Du hast gerade ein Baby bekommen, betreust ein Kleinkind oder bist aktuell schwanger. Warum und vor allem wie zum Kuckuck sollst Du jetzt auch noch Sport machen, wo Du doch schon froh bist, wenn Du es mal schaffst Dir die Haare zu waschen?

All jenen, die das oder etwas ähnliches eben gedacht haben, sei gesagt: I feel you. Abgesehen von etwas Yoga und halbherzig ausgeführter Krankengymnastik aufgrund meiner Wirbelsäulenverkrümmung seit meiner frühesten Kindheit habe ich bis nach der Geburt meiner Tochter kein Stück Sport gemacht. Ich war ein Sportmuffel. Oder noch stärker: Ich hatte regelrecht Angst vor Sport. Ich dachte, ich kann das nicht. Ich wäre unsportlich und mein Körper viel zu sensibel für viel Bewegung. Andere könnten über mich lachen. Als meine Kleine dann auf der Welt war und ich den ersten heftigen Lachkrampf nach der Geburt bekam, wusste ich allerdings schlagartig, warum Sport notwendig sein kann. Und wofür so ein Beckenboden gut ist.

Sport für den heimlichen Helden des weiblichen Körpers

Falls Du jetzt auf dem sprichwörtlichen Schlauch stehst oder von Natur aus mit einem glücklichen, starken Beckenboden gesegnet bist, der Schwangerschaft und Geburt unbeschadet überstanden hat, sei froh. Bis zur Geburt hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich hier in irgendeiner Form tätig werden müsste. Der Beckenboden war schließlich auch ohne Sport stets funktionsfähig und hielt sich vornehm im Hintergrund. Bis zu besagtem Lachkrampf und dem Schreckensmoment als schwupps zwei Tröpfchen Urin den Weg ins Höschen fanden.

Sollten die folgenden Gründe Sport zu treiben Dich also nicht überzeugen, sei es der freundliche Hinweis: Behandel Deinen Beckenboden so als wäre er Dein bester Freund. Sonst pinkelst Du Dir beim Lachen schneller ein als ein Klopf-Klopf-Witz erzählt ist. Vom Trampolin springen möchte ich jetzt gar nicht anfangen. Du brauchst nicht täglich stundenlang zu schwitzen und Deine Muskeln zu stählern aber ein paar gezielte Beckenbodenübung sind wirklich mehr als sinnvoll, wenn man weiterhin hemmungslos sowie heftig lachen möchte.

Sport für den Rücken

Die meisten Frauen haben in der Schwangerschaft Rückenschmerzen. Das ist normal. Alles lockert sich im Körper, wird weicher und dehnt sich. Da muss schließlich Platz für einen kleinen Menschen geschaffen werden. Illusorisch ist jedoch anzunehmen, dass die Rückenschmerzen nach der Geburt schlagartig weg sind. Sie weichen in der Regel nur anderen Schmerzen. Nämlich solchen, die davon kommen, dass man besagten kleinen Menschen fortan sehr, sehr viel mit sich rumschleppt.

So ein Baby legt – wenn es glatt läuft – recht flott an Gewicht zu. Das Gute: Deine Muskeln in den Armen und im Rücken können quasi parallel dazu mitwachsen. Je schwerer Dein Kind wird, desto mehr Muskeln entwickelst Du vom vielen Tragen. Im Prinzip geht das ganz von alleine. Nur sollte man bedenken, dass man in der Schwangerschaft in der Regel weniger oder gar keinen Sport gemacht und dabei verflucht viele Muskeln eingebüßt hat. Es gilt also den Rücken zumindest auf den Stand zu bringen, den Du vor der Schwangerschaft hattest.

Jetzt ist übrigens auch der ideale Zeitpunkt um zu überprüfen, ob Du mögliche Fehlhaltungen einnimmst. Das rächt sich schnell, wenn man sein Baby beispielsweise in der Trage hat oder einfach nur auf dem Arm trägt. Auch beim Stillen neigt man den Kopf gerne mal schildkrötenartig nach vorne unten, was der Nacken oft nach einer Weile empört mit Schmerzen quittiert. Beobachte Dich also einfach mal selbst (etwa im Spiegel). Machst Du ein Hohlkreuz beim Tragen, stehst Du schief oder hast Dein Mäuschen immer nur auf dem einen Arm? So ungewohnt es sich anfühlt, versuch ab und zu die Seiten zu wechseln. Glaub mir, es lohnt sich.

Sport für die Seele

Beim Lesen des folgenden Punktes hätte ich vor einigen Jahren wohl nur höhnisch gelacht. Ja klar, es gibt einen Haufen Studien, die ergeben haben, dass Sport sich positiv auf die Psyche auswirkt. Wer sich körperlich stark und gesund fühlt, nimmt automatisch eine andere Körperhaltung ein und steht dem Leben anders gegenüber. Ich bin nach wie vor keine Sportskanone, die täglich schwitzend ihre Übungen macht und pralle Muskeln everywhere hat. Das will ich auch gar nicht sein. Aber ich fühle mich fit und habe das Gefühl, dass ich alles stemmen kann. Dass ich stark bin. Körperlich und psychisch. Das macht viel mit einem. Ich vertraue mir und meinem Körper jetzt eher. Die Konsequenz? Genau, ich habe weniger Angst vor allem möglichen. Davon abgesehen schüttet Dein Körper aber auch einfach einen Haufen Endorphine und Serotonin aus, wenn Du Sport machst. Und die machen bekanntlich glücklich.

Sport für das Körpergefühl

Der Vollständigkeit halber sollte man wohl auch den Punkt des Körpergewichts erwähnen. Um fair und ehrlich zu bleiben, muss ich zugeben, dass ich davon keine Ahnung habe. Ich habe in der Schwangerschaft nicht viel zugenommen, was ich mir wieder mühsam hätte abtrainieren müssen. Alles was ich jetzt schreiben könnte, wäre also angelesenes oder interpretiertes Halbwissen. Aber klar, Sport kann auch helfen, dass die Pfunde leichter purzeln.

Was ich jedoch weiß und sagen kann: Mach Dir da um Himmels Willen keinen Stress. Du hast ein Kind in die Welt gesetzt. Dein Körper hat absolut Wundersames, Krasses geleistet. Überleg doch nur  mal: In Dir ist ein Mensch gewachsen, den Du nun auch noch sehr erfolgreich am Leben hältst. Wie toll ist das denn bitte? Wenn Dir kritische Gedanken beim Blick in den Spiegel kommen oder Du Dich nicht mehr sexy fühlst, dann denk da bitte dran. Du bist der Kracher und Dein Körper verdient ein fettes High-five für die Leistung ein Baby auf die Welt zu bringen.

Davon abgesehen haben auch Frauen, die nicht mit überflüssigen Pfunden nach der Geburt zu kämpfen haben, oft Probleme damit sich im eigenen Körper wieder wohl zu fühlen. Oder auch: Sich als Frau zu fühlen. Geburtsverletzungen, Dehnungsstreifen, Hautveränderungen oder Brüste, aus denen dauernd die Milch tropft, sorgen zugegeben nicht immer dafür, dass man sich selbst begehrenswert oder attraktiv fühlt. Aber das kommt wieder. Es dauert vielleicht etwas aber der Körper verändert sich mit der Zeit auch wieder. Die Hormone, die nach so einer Geburt noch lange durch Deinen Körper sausen, sorgen dafür, dass das nicht von heute auf morgen passiert. Manchmal hilft es schon sich zu sagen, dass das alles normal ist und fast jede Frau das durchmacht.

Sport kann diesen Prozess tatsächlich etwas beschleunigen, einfach weil das Körperbewusstsein dadurch ein anderes ist. Es mag etwas esoterisch klngen aber Du spürst Dich dabei eher.

Worum es nicht geht

Um das nochmal klar zu sagen: Du sollst keinen Sport machen, um schnell wieder zu “funktionieren” oder für andere augenscheinlich begehrenswerter zu sein. Du musst keinem Bild entsprechen. Aber es kann Dir helfen, dass Du Dich selbst wieder wohler und nicht nur als Mutter fühlst. Du hast einen Körper, der zwar wenn Du stillst, noch Dein Kind ernährt und ihm somit auch ein Stück weit zu gehören scheint aber es ist eben auch Dein Körper. Nimm Dir die Zeit für ihn. Probier es einfach aus. Du musst und sollst keinen Leistungssport machen aber ein bis zweimal die Woche ein bisschen Sport treiben, tut wirklich selbst dem größten Sportmuffel gut. Ich bin der lebende Beweis dafür.

Ach ja und weil ich das selbst lange Zeit dachte: Niemand ist von Hause aus unsportlich. Du kannst höchstens ungeübt sein. Hör auf Dir dahingehend Stempel aufzudrücken. Niemand ist für immer und ewig etwas. Wir alle verändern uns. Du kannst jeden Tag neu einen Grundstein dafür legen etwas anders zu werden. Zum Beispiel sportlich. Oder gelenkig. Du musst nur etwas üben.

Und wenn jemand lacht?

Lachen tut in der Regel auch keiner über Dich. Und wenn doch: So what. Wie stolz kannst Du denn bitte sein, wenn Du Deinen inneren Schweinehund zur Saison gerufen und Dich in Deine Sportklamotten geworfen hast? Selbst wenn Du – so wie ich meist – mit hochrotem Kopf schwitzend und keuchend über Deine Matte kugelst oder hechelnd hinter anderen Kursteilnehmern um eine Wiese joggst… Du machst gerade Sport. Nur das zählt. All jene die über Dich lachen könnten, machen das in dem Moment gerade nicht. Die gucken Dir faul dabei zu, wenn Du im Freien sportelst. Hab ich alles schon erlebt. Du ahnst sicher schon, was ich jetzt sagen werde. Die Lacher überwinden ihren inneren Schweinehund in der Regel nie. Sie entwickeln sich nicht weiter. Also wer von Euch hat nun einen verdammt guten Grund dafür stolz zu sein?

By the way: Wenn Du einen Kurs machst, kannst Du Dir übrigens sicher sein, dass Du von den anderen Teilnehmer*innen beim Sport nicht beobachtet wirst. Die sind nämlich meist selbst voll auf mit sich selbst beschäftigt. Oder hast Du Zeit dafür die anderen zu beobachten? Vermutlich nicht. Es würde auch nichts bringen. Jeder Körper ist anders. Manche machen schon ewig viel Sport. Manche nicht. Es hilft also überhaupt gar nicht sich schlecht zu fühlen, wenn alle die Liegestützen hinbekommen, nur Du nicht. Aber falls Du Dich dabei trotzdem mies fühlen solltest, denk an mich. Ich kriege trotz Sport nicht eine einzige Liegestütze hin. Das macht aber nichts. Was für mich zählt, ist nur, dass ich mich nach dem Sport besser fühle. Dass ich stolz auf mich bin, etwas schwitze und mein Körper sich wunderbar müde anfühlt. Dass mein Beckenboden und mein Rücken erleichtert aufzuatmen scheinen, weil ich wieder für ein paar Muskelmasse mehr gesorgt habe.

Wo anfangen?

Es gibt ganz wunderbare Kurse, die auf werdende und frisch gebackene Mamas zugeschnitten sind. Ein toller Anbieter ist Laufmamalauf auf die, ich an anderer Stelle noch ausführlicher eingehen werde. Ansonsten lohnt sich ein Blick in umliegende Fitnessstudios. Die meisten Studios bieten spezielle Kurse an.

Erste Anlaufstelle kann und sollte jedoch immer der Rückbildungskurs sein, den übrigens auch die Krankenkasse zahlt. Frag doch einfach mal Deine Hebamme, ob sie einen Tipp für Dich hat oder selbst solche Kurse anbietet.

Linktipp:

Laufmamalauf – Sport für Mamas.